PREMIERE MIT KOPFWEH

 

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Zur Spätschicht pünktlich im Melkstand: Chris Marvin Schulze @Wolfgang Herklotz

 

Glückwunsch zum erfolgreichen Abschneiden beim jüngsten Landeswettbewerb im Leistungsmelken. Hatten Sie mit dem ersten Platz gerechnet?
■ Überhaupt nicht. Ich war an dem Tag schlecht drauf, hatte die Nacht zuvor kaum ein Auge zugekriegt. Mir brummte der Kopf, und ich war mir ziemlich sicher: Das geht schief!

Nichtsdestotrotz wussten Sie vor allem durch Ihre Schnelligkeit zu beeindrucken. Die zwölf Kühe in 13,50 Minuten zu melken verdient unbedingten Respekt. Womit waren Sie denn unzufrieden?
■ Beim Zelltest habe ich mich sehr schwer getan. Ich musste ganz schön grübeln. Mann, war ich durcheinander.

Das ist wohl nur zu verständlich in solch einer Situation. Ganz offensichtlich haben Sie aber noch rechtzeitig den Schalter umlegen können.
■ Irgendwann habe ich mir gesagt: Da musst du jetzt durch! Schließlich hatte ich mich ja freiwillig für den Wettbewerb gemeldet!

Einfach so, aus freien Stücken?
■ Meine Cousine, die als Melkerin in unserem Betrieb arbeitet, hatte mir den Tipp gegeben. Eine bessere Prüfungsvorbereitung gibt es nicht, meinte sie. Denn ich stehe ja mit meiner Ausbildung zum Tierwirt kurz vor dem Abschluss.

Hat die Cousine auch ein paar praktische Hinweise vermittelt?
■ Na klar. Sie gab mir vor allem den Rat, unbedingt die Kühe anzusprechen, wenn ich das Melkzeug ansetze. Und vor allem auch auf Hygiene zu achten, also exakt alle Zitzen zu reinigen und zu desinfizieren.

Wie kam es dazu, sich für einen Grünen Beruf zu entscheiden? Sind Sie familiär vorbelastet?
■ Überhaupt nicht, mal abgesehen von meiner Cousine und meiner Halbschwester, die ebenfalls als Tierwirtin arbeitet. Meine Eltern waren anfangs sogar dagegen, dass ich mich in der Agrargenossenschaft Rädigke um eine Ausbildung bewerbe. Das lag aber wohl eher daran, dass ich damit aus ihrer Sicht zu weit weg war. Meine Familie lebt in Dessau, also Sachsen-Anhalt.

Ist doch gar nicht so weit weg, oder?
■ Meine ich auch. Selbstverständlich fahre ich dort hin, wenn ich frei habe. Aber es ist auch ganz praktisch, dass ich hier im Ort ein eigenes Zimmer habe. Sonst müsste ich ja noch früher aufstehen.

Wann klingelt der Wecker?
■ Gegen halb drei. Um vier Uhr beginnt die Frühschicht. Da muss ich rechtzeitig da sein.

Schon mal verschlafen?
■ Ja, das war mir ziemlich peinlich. Aber das ist Geschichte.

War die Berufswahl eher eine Bauchentscheidung?
■ Nein, ich habe in der Schulzeit einige Praktika absolviert, beispielsweise in einer Gastwirtschaft. Aber ein Koch wäre wohl nie aus mir geworden, das habe ich dort gleich gemerkt. Als ich die Woche dann in der Agrargenossenschaft gearbeitet habe, hat mir das von Anfang an Spaß gemacht. Vor allem, dass ich gleich am ersten Tag beim Melken mitmachen durfte.

Wie ist es gelaufen?

■ Ich war natürlich unter Aufsicht. Und in der Zeit, wo die Arbeitskolleginnen fast ein Dutzend Kühe gemolken haben, habe ich gerade mal eine geschafft. Das hat ewig gedauert. Aber hinterher war ich ganz schön stolz. Ich fand es toll, dass man mir das überhaupt zugetraut hat. Nach der Woche stand für mich fest, wo die Reise hingeht.

Was haben die Freunde zu dieser Entscheidung gesagt?
■ Die haben das nicht verstanden. Von denen hat keiner Interesse an Landwirtschaft, dafür aber jede Menge Vorurteile. Ich bin übrigens der Einzige von ihnen, der kurz vor dem Abschluss der Lehre steht. Alle anderen haben hingeschmissen.

Ist das Leistungsmelken nicht so eine Art Ausnahmezustand? Immerhin wird dabei streng darauf geachtet, dass die Kühe nicht nur gründlich, sondern auch rasch gemolken werden.
■ Das ist doch kein Widerspruch, finde ich. Die Handgriffe müssen auch in der täglichen Arbeit sitzen, keine Frage. Aber das Ganze funktioniert nicht, wenn die Kühe nicht richtig ausgemolken werden. Durch die Arbeit im Team habe ich schnell mitgekriegt, worauf es ankommt. Es macht einfach Spaß, wenn die Sache flutscht.

Immer mehr Melkroboter kommen zum Einsatz. Hat da der traditionelle Melkerberuf noch eine Perspektive?
■ Ich sehe das eher als eine Chance, den Beruf noch besser ausüben zu können. Denn wenn der Roboter sich um das Melken kümmert, kann man sich in der Zeit um all die anderen Dinge kümmern, beispielsweise Stall einstreuen oder das Brunstverhalten kontrollieren. Vor allem jedoch kommt es darauf an, die Tiere genau zu beobachten. Das kann einem auch die beste Technik nicht abnehmen.

Was machen Sie am liebsten in Ihrer freien Zeit?
■ Am Computer spielen. Ich bin aber auch ein Furry-Fan.

Was, bitte sehr, ist das?
■ Das Wort kommt aus dem Englischen und steht für ein Interesse, sich als Tiere zu verkleiden. Mir macht es beispielsweise irre Spaß, das Fell eines Schneefuchses anzulegen, um dann die Reaktionen der Leute zu beobachten. Ich bin damit auf Weihnachtsmärkten unterwegs, aber auch auf der Leipziger Buchmesse.

Mit einem Kuhfell waren Sie aber noch nicht unterwegs?
■ Nein, mit den Tieren habe ich ja täglich zu tun.

Wie soll es nach der Ausbildung weitergehen?
■ Ich habe da schon meine Vorstellungen. In jedem Fall möchte ich im Betrieb bleiben, weil ich mich hier wohlfühle. Aber eines nach dem anderen. Jetzt kommt es erst einmal darauf an, einen guten Abschluss hinzukriegen.

Zuvor steht aber noch die Teilnahme am DLG-Bundeswettbewerb im Leistungsmelken an, für den Sie sich mit ihrem Sieg beim Landesausscheid qualifiziert haben. Was haben Sie sich dafür vorgenommen?
■ Ich will versuchen, unter die ersten Zehn zu kommen. Das ist natürlich ein verdammt ehrgeiziges Ziel, ich weiß. Aber wann hat man schon noch mal die Gelegenheit, sich mit den besten deutschlandweit zu messen?

Kein bisschen aufgeregt?
■ Von wegen. Ich bin jetzt schon fix und alle. Aber vielleicht kriege ich ja wieder die Kurve!

Autor: bauernzeitung
Wolfgang Herklotz, 11.04.2016

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